Wie bewerten die Historiker die modernen belarussischen Schullehrbücher „Geschichte von Belarus“ und „Weltgeschichte“?

Eine Diskussion zu diesem Problem fand am 3. Februar in der Geschichtswerkstatt Leonid Lewin statt. Als Experten wurden Andrej Kyschtymow (Nationale Akademie der Wissenschaften der Republik Belarus), Kusma Kosak (Belarussische staatliche Universität), Sergej Nowikow  (Minsker staatliche linguistische Universität) und Sergej Panow (Republikanisches Institut der Höheren Schule) eingeladen. Die Historiker Aleksej Bratotschkin und Irina Kaschtelan moderierten das Podiumsgespräch. Unter den Versammelten waren Vertreter von wichtigsten belarussischen Organisationen, die sich mit akademischen Untersuchungen zum Thema „Ausbildung zukünftiger Historiker“ befassen, sowie Wissenschaftler und praktizierende Lehrer.

Dank der Ausstellung „Unterschiedliche Kriege“ haben sich die Teilnehmer der Diskussion mit der Darstellung des Kriegsthemas in den Lehrbüchern der Nachbarländer bereits bekannt gemacht. Nun galt es, darüber nachzudenken, wie die Geschichte des 2. Weltkrieges in den belarussischen Schulbüchern beschrieben wird, ob darin das sowjetische Modell der Erinnerung an den Krieg beibehalten oder eine neue Vision angeboten wird. Ferner sollte erörtert werden, ob das vorhandene akademische Wissen in das Schulwissen effektiv übertragen wird.

Die Experten äußerten die Meinung, dass die Ausarbeitung der Erinnerung und historischer Narrative im Zusammenhang mit der Geschichte des 2. Weltkrieges gleich nach dessen Ende begonnen hatte und von der sowjetischen Politik, Ideologie und den einzelnen Vertretern der Macht geprägt war. Einer von denen war Lawrentij Tsanawa, der eine Reihe von Thesen herausbrachte (über den „siegreichen Charakter des Krieges“, über die binäre Einteilung nach Feinden und „unseren“ u.s.w.), die bis heute in Gebrauch seien (so Kusma Kosak). Im Rahmen dieses Narrativs bildeten sich Diskursgewohnheiten und bestimmte Formeln, solche wie, zum Beispiel, „die grundlegende Wende im Krieg“. Sie behindern und irritieren die Historiker bei ihrer Arbeit mit den historischen Quellen, weil sie darin nicht immer ihre Bestätigung finden (Sergej Nowikow).

Die Diskussion enthielt einige kritische Momente, bezogen auf den Streit darüber, ob das sowjetische „heroische“ und „schöpferische“ Modell der Erinnerung an den 2. Weltkrieg in den schulischen Geschichtsbüchern reproduziert werden soll, sowie auf die Einordnung bestimmter historischer Ereignisse und Phänomene, einschließlich Holocaust, in die Lehrgänge der Geschichte.

Das sowjetische Narrativ hat sich in Belarus in den Jahren nach der Erlangung der Unabhängigkeit nicht sehr stark verändert. Einer der Autoren der Schulbücher Sergej Panow meint jedoch, dass dieses Narrativ auch heute reproduziert werden muss, um die Kontinuität zwischen jeder Periode der Geschichte und der Gegenwart, zwischen jenem Gedenken und der heutigen Generation zu gewährleisten. Auf diese Idee reagierten viele Diskussionsteilnehmer recht kritisch: wozu bräuchten wir heute das sowjetische Narrativ, die Kriegsgeschichte müsse von einem anderen Standpunkt, überwiegend von nationalen Positionen aus betrachtet werden.

Sergej Panow meinte jedoch, wir sollten uns beim Erstellen von Geschichtslehrbüchern weniger auf die „kognitive“ (für die Schüler „aufgrund psychologischer Besonderheiten“ unzugängliche), sondern viel mehr auf die „emotionale Komponente“ konzentrieren. Die Frage, inwieweit die Schüler heute zur „Analyse“ und kritischen Auseinandersetzung im Geschichtsunterricht bereit wären, rief Streitigkeiten hervor.

Nach der Meinung von Sergej Panow sei der Prozess der Erstellung von Lehrbüchern heute demokratisch und transparent. Er machte zwar bei der Vorbereitung der Lehrbücher nur von den Monographien und Kollektivarbeiten der Historiker Gebrauch, die im Rahmen offizieller staatlicher Institutionen, solcher wie das Forschungsinstitut für Geschichte der Nationalen Akademie der Wissenschaften von Belarus herausgegeben werden. Er meint auch, dass sich der Unterricht auf Beispiele des Heroismus, der Herdentat und Selbstaufopferung stützen sollte, um auf die Schüler emotional und moralisch einwirken zu können. Ein solcher Unterricht ist dazu berufen, „traditionelle Werte“, solche, zum Beispiel, wie Familie anhand von biographischen Geschichten jener Epoche zu pflegen und zu fördern. Diese These sorgte ebenfalls für Diskussion: inwieweit wir heute die Schüler auf die „Heldentat“ vorbereiten müssen und ob diese Methode in Bezug auf die Schüler von heute angewandt werden kann.

Trotz der Teilnahme von Alexander Lukaschenko an der Memorialisierung des Andenkens an die in Belarus ums Leben gekommenen Juden und seiner Erklärung während der Trauerkundgebung an der Gedenkstätte „Jama“ darüber, dass „Holocaust eine nationale Tragödie sei, findet die Thematik Holocaust bis heute noch keinen gebührenden Platz in den Schulgeschichtsbüchern. Der Terminus selbst ist aus den Schulbüchern verschwunden. Mitte der 2000er Jahre und heute sind diesen Ereignissen nur einige formelle Zeilen gewidmet. Darüber berichtete die Geschichtslehrerin Neonila Tsyganok, die sich im Kreis Ossipowitschi mit dem Thema Holocaust auf lokaler Ebene beschäftigt. In einem der Kommentare der Anwesenden wurde die Eröffnung des ersten Bauabschnittes der Gedenkstätte in Malyj Trostenez  erwähnt, deren Inschriften ebenfalls keinen Hinweis darauf enthalten, dass in diesem Konzentrationslager vorwiegend Juden umgebracht wurden, inklusive diejenigen, die nach Belarus aus Westeuropa deportiert worden waren.

Andrej Kyschtymow ging in seinem Statement auf konzeptuelle Fragen ein. Nach seiner Meinung „suchen wir immer noch unseren Platz in diesem Krieg“, ohne ein Konzept für die schulische Geschichtsbildung zu besitzen. Ein Konzept, das wenigstens die Frage beantworten könnte, mit welchen Grundkenntnissen der Geschichte wir die Schulabsolventen ausrüsten. Die Einführung von zentralisierter Abituriententestierung trägt ebenfalls nicht zu Vertiefung von geschichtlichen Kenntnissen und zu Fertigkeiten der Analyse bei. Liest man die Fragen dieser Tests, so findet man dort kaum solche, die Tatsachen aus der Geschichte des 2. Weltkrieges angehen. Wie aus den Ansprachen anderer Teilnehmer ersichtlich ist, werden heute von den belarussischen Historikern tatsächlich keine historiographischen Werke herausgegeben, die ein neues methodologisches Herangehen an die Geschichte des Krieges und ein neues bedeutendes sachliches Material vorschlagen würden.

Wie die Historikerin Irina Romanowa bemerkte, würde die Revision der Geschichte des 2. Weltkrieges in ihrer vorhandenen schulischen und sonstigen Art zu völliger Revision der Konzeptionen der Vor- und Nachkriegsgeschichte führen: Repressalien, Stalinismus und andere Ereignisse. Man müsse heute alle diese Fragen vielschichtig angehen.  Viele Aspekte des Krieges einschließlich des Gender-Aspekts (nach der Meinung des Historikers Alexej Bratotschkin) und der Problematik des Holocaust fehlen in den heutigen Schulbüchern. Dazu gehören auch die Ereignisse um den Ribbentrop-Molotow-Pakt, die Opfergruppen und das Nachkriegsleben. So wird die Situation nach dem Krieg lediglich in den Begriffen wie „Wiederherstellung der Volkswirtschaft“ u.ä. beschrieben, was viele Gegebenheiten der Nachkriegszeit verbirgt.

Nach heißen Debatten wurden sich die Teilnehmer darüber einig, dass die Aufgabe der Historiker darin besteht, ein aktuelles akademisches Konzept für den Unterricht der Geschichte des 2. Weltkrieges zu formieren. Darauf gestützt soll das Lehrprogramm entwickelt werden, und erst dann sollen Lehrbücher zur Geschichte geschrieben werden. Die Wissenschaftler und Didaktiker müssen also verantwortungsvoll und systematisch klarstellen, was und wie unterrichtet werden muss, bevor wir den Anspruch auf die Kenntnisse der Schüler während der Prüfung erheben können.

Da auch die anderen Themen im Geschichtsunterricht Schwierigkeiten bereiten, stellten die Diskussionsteilnehmer eine allumfassende Frage – über den Geschichtsunterricht als Fach im Allgemeinen. Wie soll der heutige Lehrgang Geschichte sein? Wann wird sich endlich die Didaktik bei der Darstellung von Lernmaterialien auf die Methoden orientierten, die jugendnahe sind und auf die Multiperspektivität historischer Prozesse hinweisen? Um diese Frage zu beantworten, sollen die entsprechenden Akteure auf dem Bildungs- und akademischen Feld mit einer komplexen Arbeit beginnen und versuchen, einen regulären öffentlichen Dialog zu entfalten.

Die Veranstaltung wurde unter Mitarbeit von ECLAB, Geschichtswerkstatt Leonid Lewin und Belarussisches Archiv für Oral history organisiert. Die Interessenten können sich den Videobericht über die Veranstaltung unter  https://www.youtube.com/watch?v=tT0n77nJba8  ansehen.

 

Alexej Bratotschkin, Historiker, ECLAB

 

 

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