Erinnerungskultur vereinigte Historiker und Journalisten aus fünf Ländern

Nicht weit von Warschau, auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Treblinka, in dem über 800.000 Menschen, fast ausschließlich Juden, ermordet wurden, gibt es einen großen Stein. Drauf steht in verschiedenen Sprachen: „Nie wieder“. Neben diesem Stein haben Historiker und Journalisten aus fünf Ländern – Deutschland, Polen, Russland, Belarus und der Ukraine – Ende Oktober eine Gedenkfeier durchgeführt. Sie lasen Auszüge aus Berichten von Treblinka-Überlebenden und Zeitzeugen in sechs Sprachen vor: in den fünf Sprachen der Teilnehmer und auf Jiddisch, das viele europäische Juden gesprochen hatten und das faktisch mit ihnen verschwunden war.

„Was heißt dieses „Nie wieder“ für uns?“ fragte in seiner Rede bei der Gedenkfeier Peter Junge-Wentrup, Geschäftsführer des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks, IBB Dortmund. „Möge das Leid uns dazu veranlassen, dass wir selber aktiv werden und an einer europäischen Friedensordnung mitwirken.“

Der Besuch nach Treblinka war einer der Programmpunkte der internationalen Konferenz „Aus der Geschichte lernen? Erinnerungskultur als Weg zu einer europäischen Verständigung“, die vom 27. bis 30. Oktober mit 100 jungen Historikern und Journalisten in Warschau stattfand. Die Konferenz wurde vom IBB Dortmund gemeinsam mit dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk (DPJW, Warschau), der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb, Bonn) sowie anderen Partnern organisiert und mit Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert.

„Erinnerung ist nicht mit Geschichte gleichzusetzen“, sagte in seinem Grußwort der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Polen Rolf Nikel. „Eine Erinnerung besteht nie rein aus Fakten, sondern ist stets mit persönlichen Erinnerungen und Emotionen verbunden. Oft besteht Einigkeit über die Fakten, aber Unstimmigkeit über ihre Bewertung. Um Emotionen zu verstehen, müssen wir bereit sein, dem anderen zuzuhören, ihn seine Geschichte erzählen zu lassen und uns über die Gründe verschiedener Sichtweisen auszutauschen.“

Über verschiedene Entwicklungen der Erinnerungskultur sprachen bei der Konferenz der Politikwissenschaftler Helmut König (Deutschland), die Historiker Robert Traba (Polen), Yaroslaw Hrytsak (die Ukraine), Alexej Bratotschkin (Belarus) sowie der russische Fernsehmoderator und Schriftsteller Leonid Mletschin.

„Was ist besser: Erinnern oder Vergessen? Ist ein gutes Gedächtnis hilfreich oder schädlich?“ fragte Prof. Dr. Helmut König von der RWTH Aachen. „Wenn wir etwas absichtlich, aktiv vergessen wollen, dann müssen wir uns erst an das sehr genau erinnern, das wir vergessen wollen.“

Ein gutes Gedächtnis müsse eine Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit einschließen, meint Prof. Dr. Robert Traba, Direktor des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Viele würden es heute bevorzugen, von Fehlern der anderen zu sprechen. Es sei notwendig, dass alle Schuldigen zugestehen würden: Es sind wir gewesen. Dieses Geständnis habe es in den deutsch-polnischen Beziehungen gegeben.

Wie man im Bereich der Erinnerungskultur aktiv sein kann, wurde an zehn konkreten Beispielen von Organisationen, Projekten und Initiativen gezeigt. Unter ihnen gab es sowohl diejenigen, die vom Staat gegründet wurden, wie beispielsweise das Ukrainische Institut für Nationales Gedächtnis oder die Bundeszentrale für politische Bildung, als auch diejenigen, deren Tätigkeit der Staat hindert, indem er sie als ausländische Agenten brandmarkt, wie Memorial in Moskau. Unter ihnen gab es auch die in der virtuellen Welt agierenden Projekte wie das Belarussische Archiv für „Oral History“ und die in der realen Welt agierenden wie das Ukrainian Center for Holocaust Studies. Es gab diejenigen, die seit Jahrzehnten existieren wie die von Alicja Wancerz-Gluza ins Leben gerufene Stiftung „Zentrum KARTA“, die Geschichte Polens und Osteuropas im 20. Jahrhundert dokumentiert und mit seiner Tätigkeit noch im Untergrund bei der kommunistischen Regime anfing. Und es gab diejenigen, die erst vor ein paar Jahren entstanden, wie zum Beispiel die vom Journalisten Sergej Parchomenko 2013 gegründete Bürgerinitiative zum Gedenken an die Opfer politischer Repression „Poslednij adres“ („Die letzte Adresse“). Ihr diente als Vorbild das europäische Projekt „Stolpersteine“.

Der Ort für die Diskussionen über Erinnerungskultur – Warschau – wurde bewusst gewählt: Der Zweite Weltkrieg begann mit dem Angriff auf Polen und seine Hauptstadt leistete mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 und dem Warschauer Aufstand 1944 bewaffneten Widerstand gegen die Besatzer. Die Konferenzteilnehmer besuchten das Gelände der ehemaligen Warschauer Ghetto und das Museum der Geschichte der polnischen Juden (POLIN ) sowie das Museum des Warschauer Aufstands.

Diese Konferenz sei kein Geschichtsunterricht, sagte Geschäftsführer PNWM Paweł Moras. Wir hätten verschiedene Bildungssysteme. Unser Ziel sei, einen Dialog zwischen jungen Menschen zu fördern.
Der Dialog wird fortgesetzt werden: Die Teilnehmer haben am Ende der Konferenz über Möglichkeiten der Zusammenarbeit und gemeinsame Initiativen im Bereich der Erinnerungskultur gesprochen. Hilfreich würde für sie eine neue Internet-Plattform sein, die Anton Markschteder vom IBB Dortmund präsentierte.

All dies soll dazu beitragen, dass man in Zukunft nicht mehr auf Steine schreiben muss: „Nie wieder“.

Von Julia Larina

 

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